Miami. Während viele Reedereien noch über Nachhaltigkeit, Auslastung und geopolitische Risiken diskutieren, setzt Norwegian Cruise Line Holdings (NCLH) demonstrativ auf Wachstum: Der Konzern hat 14 neue Kreuzfahrtschiffe für seine drei Marken Norwegian Cruise Line, Oceania Cruises und Regent Seven Seas Cruises bestellt – Auslieferung gestaffelt bis 2036. Der Gesamtwert der Neubauten: über 19 Milliarden US-Dollar. Gebaut werden alle Einheiten auf den Fincantieri-Werften in Italien.
Laut dem aktuellen globalen Kreuzfahrtschiff-Bestellbuch von Cruise Industry News hält NCLH damit derzeit den Spitzenplatz unter den großen Kreuzfahrtkonzernen – noch vor Branchenriesen wie Carnival oder Royal Caribbean. Beeindruckend? Ja. Risikolos? Eher nicht.
45.000 neue Betten – wer soll sie füllen?
Mit den 14 Neubauten kommen rund 45.000 zusätzliche Betten auf den Markt. Eine Zahl, die selbst erfahrene Marktbeobachter schlucken lässt. Während MSC Cruises sein eigenes, ebenfalls ambitioniertes Neubauprogramm stärker auf europäische Märkte und ganzjährige Auslastung ausrichtet, konzentriert sich NCLH weiterhin stark auf Nordamerika und Premium-Segmente.
Die Frage drängt sich auf: Reicht die Nachfrage langfristig aus, um diese Kapazitäten profitabel zu betreiben – gerade in Zeiten steigender Preise, unsicherer Konjunktur und wachsender Kritik an der Kreuzfahrtindustrie?
Regent Seven Seas Cruises: Luxus bleibt der Wachstumstreiber
Besonders auffällig ist der Fokus auf den Ultra-Luxus. Regent Seven Seas Cruises erhält zwischen 2026 und 2033 drei neue Schiffe der Prestige-Klasse. Den Anfang macht die Seven Seas Prestige, die im Dezember 2026 in Dienst gestellt wird. Zwei baugleiche Schwesterschiffe mit jeweils 822 Gästen folgen 2029 und 2033.
Hier positioniert sich NCLH klar gegen Marken wie Explora Journeys (MSC) oder Silversea. Doch Luxus allein schützt nicht vor Marktschwankungen – vor allem, wenn Ticketpreise weiter steigen müssen, um die Investitionen zu rechtfertigen.
Oceania Cruises wächst – aber bleibt die Marke scharf positioniert?
Auch Oceania Cruises wird deutlich ausgebaut: Insgesamt vier neue Schiffe sind geplant. Die Oceania Sonata soll 2027 ausgeliefert werden, gefolgt von der Oceania Arietta 2029. Zwei weitere Einheiten mit jeweils 1.390 Passagieren sind für den Zeitraum 2032 bis 2035 vorgesehen.
Kritisch betrachtet stellt sich hier die Frage, ob Oceania seine klare Abgrenzung zwischen Premium und Luxus halten kann – oder ob die Marke langfristig zwischen Regent und klassischen Premium-Anbietern aufgerieben wird.
Norwegian Cruise Line: Masse statt Klasse?
Die Kernmarke Norwegian Cruise Line erhält in den kommenden zehn Jahren sieben neue Schiffe, darunter die bereits angekündigte Norwegian Luna. Im Vergleich zu MSC Cruises, die mit neuen Schiffsklassen stärker auf Effizienz, alternative Treibstoffe und skalierbare Konzepte setzen, wirkt NCLs Strategie bislang stärker volumengetrieben.
Mehr Schiffe, mehr Betten, mehr Umsatz – oder eben mehr Druck auf Preise, Routen und Umweltbilanz?
Fazit: Ambitioniert, mutig – aber nicht ohne Risiken
Norwegian Cruise Line Holdings setzt mit diesem Mega-Neubauprogramm ein klares Zeichen: Wachstum vor Vorsicht. Ob sich diese Strategie langfristig auszahlt, hängt nicht nur von der Buchungslage ab, sondern auch davon, wie glaubwürdig NCLH Themen wie Nachhaltigkeit, Preisstabilität und Markenprofil meistert.
MSC Cruises fährt hier derzeit den etwas kontrollierteren Kurs – weniger Schiffe, dafür klarere Konzepte. Der Wettbewerb um Gäste, Liegeplätze und Margen dürfte damit spannender werden als je zuvor.
„Der Kreuzfahrttester“ wird bereits seit mehr als 25 Jahren redaktionell durch verschiedene Blogs und Interseiten zum Thema Kreuzfahrten betrieben. Die Seite www.kreuzfahrttester.com gilt damit als ältester Kreuzfahrt-Blog auf dem deutschsprachigen Markt. Chefredakteur und Inhaber Claus Blohm gilt mit weit mehr als 5.000 Nächten an Bord verschiedener Schiffe als erfahrener Kreuzfahrtexperte. Neben den allgemeinen Reiseberichten erstellt er auch eine Vielzahl interner und vertraulicher Testberichte, die zum Teil von den Reedereien beauftragt werden. Diese Berichte gelten nicht selten als Grundlage für neue Standards an Bord.








