Es ist ein Wettrüsten auf den Weltmeeren. Was mit der „Titanic“ als Wunder begann, wirkt heute wie ein Beiboot gegen die neuen Giganten der Icon– oder Oasis-Klasse. 7.000 Passagiere, Wasserparks auf dem Dach und Eislaufbahnen im Bauch. Doch während die Ingenieure jubeln, stellt sich an der Reling eine ganz andere Frage: Wo sollen diese schwimmenden Hochhaus-Viertel eigentlich noch anlegen? Das Bord-Geflüster geht heute der Frage nach, ob wir uns gerade den Ast absägen, auf dem wir so gerne über den Ozean schippern.
1. Die „No-Go-Zonen“ wachsen
Venedig hat es vorgemacht, Amsterdam zieht nach, und auch in kleineren Perlen wie Santorini oder Dubrovnik wird der Platz eng. Ein Schiff, das drei Fußballfelder lang ist, passt schlichtweg nicht mehr in die historischen Häfen, die wir alle lieben.
- Die Folge: Immer öfter landen die Giganten in künstlichen Industriehäfen weit vor den Toren der eigentlichen Stadt. Der „Blick auf den Markusplatz“ wird durch den Blick auf Container-Terminals ersetzt.
2. Das Tender-Trauma
Wenn der Hafen zu klein ist, wird geankert. Aber versuchen Sie mal, 6.000 Menschen mit kleinen Beibooten an Land zu bringen.
- Insider-Check: Was früher ein romantisches Manöver war, wird bei den Megalinern zur logistischen Herkulesaufgabe. Wer kein VIP-Ticket hat, verbringt die Hälfte des Landgangs in der Warteschlange vor der Tender-Pforte.
3. Die „Insel-Inzucht“
Um das Problem der überfüllten Häfen zu lösen, kaufen Reedereien einfach eigene Inseln in der Karibik.
- Das Geflüster: Es ist die perfekte Illusion. Man ist zwar auf einer Insel, aber man ist dort nur mit den Menschen vom eigenen Schiff. Das authentische Reiseerlebnis (Land und Leute) stirbt zugunsten einer perfekt durchgestylten Disney-Welt.
4. Die soziale Schmelze an Bord
Auf kleineren Schiffen kennt man nach drei Tagen das Gesicht des Kapitäns und die Namen der Tischnachbarn. Auf einem 6.000-Mann-Dampfer herrscht oft die Anonymität einer Großstadt.
- Die Schattenseite: Der „Wir-Gefühl“-Faktor, der die Kreuzfahrt früher ausmachte, weicht einer effizienten Massenabfertigung. Man ist keine Nummer, aber man ist einer von sehr, vielen Vielen.
5. Das Umwelt-Dilemma
Größer bedeutet mehr Energiehunger. Zwar werden die neuen Riesen oft mit LNG (Flüssigerdgas) betrieben, doch die schiere Masse an Abfall, Abwasser und Logistik fordert ihren Tribut. Die Akzeptanz in den Zielgebieten sinkt proportional zur Größe des Schattens, den das Schiff über die Stadt wirft.
Und jetzt seid Ihr dran!
Wie groß ist „zu groß“? Lieben Sie die unbegrenzten Möglichkeiten der Mega-Liner mit Rutschen und Broadway-Shows, oder sehnen Sie sich nach der Intimität kleinerer Schiffe zurück, die noch in den kleinen Stadthafen von Nizza passen?
Diskutieren Sie mit uns im Bord-Geflüster: Wo ziehen Sie die Grenze beim Größenwahn auf See? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung!
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„Der Kreuzfahrttester“ wird bereits seit mehr als 25 Jahren redaktionell durch verschiedene Blogs und Interseiten zum Thema Kreuzfahrten betrieben. Die Seite www.kreuzfahrttester.com gilt damit als ältester Kreuzfahrt-Blog auf dem deutschsprachigen Markt. Chefredakteur und Inhaber Claus Blohm gilt mit weit mehr als 5.000 Nächten an Bord verschiedener Schiffe als erfahrener Kreuzfahrtexperte. Neben den allgemeinen Reiseberichten erstellt er auch eine Vielzahl interner und vertraulicher Testberichte, die zum Teil von den Reedereien beauftragt werden. Diese Berichte gelten nicht selten als Grundlage für neue Standards an Bord.