Mythos Hurtigruten Teil 2 – 5.000 Rentiere, Nebel und Nordkap


Die Norweger sagen: Man kann nur dann ganz bei sich sein (also wirklich zufrieden sein), wenn man sämtliche Zivilisation komplett hinter sich lässt. So betrachtet müsste die Nordkap-Insel Mageroya (Magere Insel) vermutlich ein Ort der Glückseligkeit sein, an dem alle 4.000 Bewohner komplett bei sich selbst sind. Bei der geringen Bevölkerungsdichte muss das manchmal wohl auch ausreichen. Das Eiland ist die einzig wirklich arktische Landschaft Norwegens. Hier wachsen keine Bäume und keine Sträucher – nur Flechten, Moose und Wollgras. Dennoch reicht das aus, um im Sommer bis zu 5.000 Rentieren als Nährwiesen zu dienen. Die eigentliche Attraktion von Mageroya ist jedoch das Nordkap. Der vermeidlich nördlichste Punkt Europas liegt bei exakt 71°10 ‘21″ nördlicher Breite und wird durch das Modell einer Weltkugel markiert. Diese befindet sich auf einem Plateau, das von dort aus 309 Meter tief in die Fluten der Barentssee rast. Einmal mehr – atemberaubend! – Theoretisch zumindest. Denn zum einen liegt der „wirklich“ nördlichste Punkt Europas – der „Knivskellodden“ – ein kleines Stückchen weiter westlich in Sichtweite, bei 71°11 ‘08″. Zum anderen ist das Wetter am Nordkap leider häufig typisch arktisch, was bedeutet, dass man aufgrund starken Nebels (tiefhängenden Wolken) quasi nichts sehen kann.

Sollte man jedoch Glück haben und das Kap bei gutem Wetter (und in den frühen Morgenstunden) zu erleben, ist der Ausblick spektakulär. Von hier aus sind es „nur“ noch 2090 Kilometer bis zum Nordpol (wenn man ihn doch bloß sehen könnte …). Die rund 5.000 Quadratmeter große Nordkaphalle bietet jedoch auch bei schlechtem Wetter einiges, um die Zeit bis zum nächsten – vielleicht Nebelfreien – Moment zu verkürzen. Im eigenen Kino kann man sich einen (wirklich) sehr sehenswerten Film über das Kap und die Insel Mageroya anschauen. Außerdem sind hier Postkarten erhältlich, die man vom nördlichsten Postamt Europas an Freunde oder auch an sich selbst versenden kann. Wer es gerne gediegen mag, genießt im Grottencafé ganz traditionell ein Glas Champagner und eine Portion Kaviar (und wartet darauf, dass sich der Nebel dann endlich verzieht). Schließlich kann man sich ja auch mal etwas gönnen, und wenn der Alkohol schon so teuer ist, dann kann es auch ruhig mal Champagner sein.

In meinem Fall spielte das Wetter leider nicht mit und der Nebel ließ sich weder von meinen Wünschen noch vom Champagner verjagen. Da ich zuvor jedoch noch nie am Nordkap war, war es dennoch ein außergewöhnliches Gefühl, an der vermeintlich nördlichsten Klippe Europas gestanden zu haben. Für eine norwegische Bommelmütze mit der obligatorischen Nordkap-Breitengrad-Bestickung hat es schließlich auch noch gereicht. Der Winter kann also kommen.

Um das Kap zu erreichen, muss man das Schiff in „Honnigsvag“ verlassen und mit einem Bus weiterreisen. An dieser Stelle möchte ich gerne einmal eine Lanze für die örtlichen Tourguides brechen. Die Fremdenführer haben stets eine Menge Wissenswertes zu Land, Menschen und den Gepflogenheiten vor Ort zu berichten. Zudem gibt es kaum etwas Niedlicheres, als eine Skandinavierin, die auf Deutsch mit weichem Akzent das Wort „fischen“ (viesch’n) ausspricht (was sie recht häufig tun muss, da sich an diesem Ende des Landes irgendwie alles um Fisch dreht). Ich jedenfalls war davon recht angetan und bekam sogar ein wenig Hunger auf „Viesch“. Übrigens hat das Tunnelsystem, das seit 1999 die Insel Mageroya mit dem Festland verbindet, mehr als 1 Milliarde Kronen gekostet (O-Ton Tourguide, gepaart mit einem lauten Lachen: sauteuer! – schließlich sind wir doch nur 4.000 „Leudde“ da). Doch „Viesch“ drüber, entlang des wunderschönen Porsangerfjords geht es mit atemberaubenden Aussichten gen Hammerfest, der nördlichsten Stadt der Welt.

Auf Kvaloya – der Insel der Qualen – liegt Hammerfest. Wer sich hier jemals im Winter aufhalten sollte, wird verstehen, warum dieser Name für die geografische Komposition aus Wind, Kälte und ewiger Nacht mehr als treffend gewählt ist. Fast 1.000 Kilometer nördlich des Polarkreises dreht sich alles um Fisch und Erdgasförderung. Hier, auf der vor der Stadt gelegenen Insel Melkoya (Milchinsel), befindet sich die größte Erdgasverflüssigungsanlage der Welt. Direkt über Pipelines wird das kostbare Energiegut von den Förderfeldern auf die Insel transportiert, um dort weiterverarbeitet und schließlich verladen zu werden. Durch die wichtige Rolle der Stadt bei der Gewinnung der fossilen Brennstoffe leben heute 7.000 Menschen in der Stadt und nochmal 3.000 in den umliegenden Kommunen. Einer der wichtigsten Anlaufpunkte für Touristen in der Stadt ist der „Eisbärenklub“. Der Klub liegt direkt am Fähranleger und hat inzwischen weltweit mehr als eine Viertelmillion Mitglieder. Das einzige Aufnahmekriterium ist, dass man die Ausstellung im Klub besucht und die Aufnahmegebühr von 200 NOK bezahlt. Dafür gibt es eine Anstecknadel und ein Zertifikat. Die Kriterien für die Aufnahme nimmt man hier übrigens sehr ernst. Nur wer wirklich da war, kann auch eintreten. Unbestätigten Aussagen zufolge wird davon keinen Millimeter abgewichen – nicht mal für Elvis Presley, den King of Rock ‘n’ Roll wurde eine Ausnahme gemacht. Der Legende nach ist Elvis das berühmteste „Nichtmitglied“ des Eisbärenklubs.

Über Oksfjord und Skjervoy geht der Weg nun weiter in Richtung Tromsö. Während dieser Passage kann man sich an der unglaublichen Landschaft sattsehen, durch welche die Reise führt. In den frühen Abendstunden werden die Berggipfel von den letzten Sonnenstrahlen in ein leuchtendes Kupfer getaucht. Wer mag, sollte ruhig mal für einen Moment die Kamera oder das Handy beiseitelegen und diese fantastische Welt einfach so mit einem Glas gutem Wein auf sich einwirken lassen. Kurz vor Mitternacht erreichen wir Tromsö – das „Tor zum Eismeer“. Besonderer Höhepunkt hier: das Mitternachtskonzert in der Eismeerkathedrale, in deren 23 Meter hoher Ostgabel sich ein 140 m² großes Glasmosaik befindet. Von Tromsö aus geht es südwestwärts zum wahrscheinlich schönsten Abschnitt der Reise – der Inselgruppe der Vesteralen und Lofoten.

Von Harstad durch die Risoyrinne und Risoyhamn bis hin nach Sortland geht es durch die Traumlandschaft der Vesteralen. Schmale und breite Sunde zwischen den Inseln Hinnoya im Osten und Langoya im Westen. Weich fließende Berge mit Wiesen und Feldern dazwischen. Wer aufmerksam ist, bekommt vielleicht unverhofft einen Seeadler zu sehen, der hoch über dem Schiff kreist. Dabei bewegt sich die Finnmarken unerschrocken in Richtung der beeindruckenden Lofotenwand und unterquert die 961 Meter lange Sortlandbrücke. Schließlich erreichen wir Stokmarknes und damit die Lofoten. Hier hält das Schiff an drei Stationen (Stokmarknes, Svolvaer und Stamsund). Die Passage zwischen Stokmarknes und Svolvaer gehört sicherlich zu den beeindruckendsten Seewegen der Welt. Ohne vorgreifen zu wollen, ist diese Teilstrecke alleine wohl schon Grund genug, um hier mit Fug und Recht von der schönsten Seereise der Welt zu sprechen. In Stokmarknes befindet sich übrigens das Hurtigrutenmuseum. Das Unternehmen wurde hier 1881 durch Richard With gegründet. Auffälligstes Museumsstück der Ausstellung – in das der Hurtigrutenfahrer im Übrigen freien Eintritt hat – ist die Vorgängerin unseres Schiffes, die MS Finnmarken von 1956. Sie liegt hier aufgedockt und ist durch das Museum zugänglich.

Von Sunden, Seeadlern und Trollen
Von Stokmarknes geht es direkt auf die Lofotenwand zu, die durch den 1266 Meter hohen Moysalen gekrönt wird. Hier öffnet sich über gut 30 Kilometer Länge der zum Teil nur wenige hundert Meter breite Raftsund. Das teilweise leuchtend türkisfarbene Wasser wird von tausend Meter hohen Felswänden umschlossen. An dieser Stelle bietet sich ein Ausflug an, den man auf jeden Fall miterleben sollte – die Seeadler-Safari. Direkt von Bord der Finnmarken aus geht es auf das kleine Ausflugsboot Orca, wobei schon das Umsteigen allein ein kleines Abenteuer ist. Mit der Orca entfernt man sich zunächst von der Finnmarken. Ein Tourguide fängt umgehend damit an, die zahllos umherfliegenden Möwen mit kleinen Fischstücken zu füttern. Diese verlieren dabei völlig ihre Scheu und kommen bis auf Handweite an die Besucher der Tour heran. Das unterhaltsame Spektakel zielt vor allem auf die Absicht, die Seeadler, die ja die eigentlichen Stars dieser Tour sind, neugierig zu machen (Adler sind in der Tat sehr neugierig). So dauert es dann auch nicht sehr lange, bis die ersten beiden Adler auftauchen und anfangen über der Orca zu kreisen. Wenn die riesigen Raubvögel die richtige Distanz haben, werfen die Guides einen entsprechend großen Kabeljau aus und der erste Greifvogel stürzt sich auf die „leichte“ Beute. Dabei kommen die Tiere bis auf wenige Meter an das Expeditionsboot heran. Absolut beeindruckend!

Nach einer Weile haben wir den Troll-Fjord erreicht, der durch seine geringe Größe und die knapp 100 Meter schmale Einfahrt ein weiteres Highlight der Reise ist. Wir fahren mit der Orca in den Fjord und warten dort auf das Eintreffen der Finnmarken. Aus dieser Perspektive wirkt das Einfahrts-Szenario vermutlich noch viel beeindruckender als von Bord des Hurtigruten-Schiffes. Zudem bieten sich immer wieder fantastische Fotomotive in Postkarten-Qualität. Nach dem Zwischenstopp im Troll-Fjord geht es weiter auf die Suche nach Adlern, die nicht lange auf sich warten lassen. Zeitweise kreisen bis zu sieben dieser majestätischen Geschöpfe über uns und stürzen sich abwechseln in den Sund, um die Beutefische zu greifen. Insgesamt bekommen wir auf der Tour zwischen 20 und 30 Seeadler zu sehen, bevor es für uns Richtung Svolvaer geht. Wir fahren dabei mit der Finnmarken um die Wette und erhaschen dabei immer wieder tolle Fotomotive, die das Schiff in der atemberaubenden Landschaft der Lofoten zeigt. Svolvaer ist die Hauptstadt der Lofoten und nicht weniger beeindruckend als die Fahrt dorthin. Besonders auffällige Landmarke ist der Berg „Svolvaersgeita“ mit seinen beiden Hörnern. Svolvaer ist außerdem die Welthauptstadt des Kabeljaufangs. Zwischen 25 und 50 Millionen Tonnen des beliebten Speisefisches werden hier jährlich aus dem Meer gezogen. Dazu gehört auch der besonders geschätzte „Skrei“ – der Winterkabeljau, der nur hier gefangen wird. In einem wie gemalten blutroten Sonnenuntergang entfernen wir uns von der magischen Inselgruppe der Lofoten und überqueren nun mehr die offene Meerespassage in Richtung Festland.

Hier folgt in Kürze der 3 Teil

Hier geht es zu Teil 1

Hier geht es zu Teil 3

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Kategorien: Hurtigruten

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