Mythos Hurtigruten Teil 3 – Vom Pferdemann, sieben Schwestern und dem Loch im Berge


Zugegebenermaßen ist es schwer die Vesteralen und die Lofoten – speziell in Kombination mit den Seeadlern – zu toppen. Dennoch – die Strecke von Bodo bis Trondheim, die uns über den Polarzirkel führt (inklusive der obligatorischen Polarzirkeltaufe samt Zertifikat), hat bei gutem Wetter durchaus verdiente Chancen auf einen guten zweiten Platz, direkt hinter dem Klassenprimus. Speziell die von mystischen Sagen überhäufte kolossale Landschaft mit ihren Wahrzeichen der Region hat ihren ganz speziellen Charme. Die Bergkette „Sieben Schwestern“, der Berg „Hestmannen“(Pferdemann), der durchlöcherte Berg „Torghatten“ und natürlich das Eiland „Vikingen“, auf dem die Weltkugel steht, die den Polarkreis markiert. Die Strecke bietet sich für den Panorama-Saloon der Finnmarken an, in dem man sich mit einem guten Buch in der Hand dem nächsten landschaftlichen Höhepunkt entgegenlesen kann. Die Reise führt am Vega-Archipel mit seinen 6.000 Inseln (Holmen) und Schären vorbei, bevor das Tor zum Nordland in südlicher Richtung passiert wird. Immer wieder treffen wir auf der Reise auf andere Schiffe der Hurtigruten, die standesgemäß mit einem lauten Stoß aus dem Bordtyphon begrüßt werden. Bei der Einfahrt nach Rorvik treffen wir gar auf einen ganz besonderen Gast – das Hurtigruten-Traditionsschiff Lofoten. Das älteste und kleinste aktive Schiff der norwegischen Postlinie wurde bereits 1964 gebaut und steht unter Denkmalschutz. Die Reisen auf der authentischen MS Lofoten sollen wahrhaft nostalgisch sein. Wohl auch, weil das Schiff über keine Stabilisatoren verfügt und einen das – bei entsprechendem Seegang – ganz schön alt aussehen lassen kann. Ebenfalls in Rorvik: das preisgekrönte Küstenmuseum Noreg, das mit seiner spannenden Architektur ein echter Hingucker ist.

Trondheim – oder wo die Wikinger zu Christen wurden

Trondheim ist nach Oslo und Bergen die drittgrößte Stadt Norwegens. Die im 10. Jahrhundert von Wikingern gegründete Stadt wurde bereits im 11. Jahrhundert christianisiert. Unangefochtene Hauptattraktion der mehr als tausend Jahre alten Stadt ist sicher der Nidarosdom (Trondheim hieß im Mittelalter Nidaros). Die neogotische Kathedrale gilt als Nationalheiligtum Norwegens und ist gleichzeitig wohl eines der berühmtesten Gebäude des Landes. Da das Hurtigruten Kai deutlich außerhalb des Stadtzentrums von Trondheim liegt (Fußweg ca. 45 Minuten) und das Schiff um 10 Uhr bereits wieder aufbricht, ist ein Besuch des Doms (öffnet erst gegen 9 Uhr), auf der südgehenden Reise leider nicht möglich. Die rund 180.000 Menschen beheimatende Stadt ist allerdings auch ohne Dom-Besuch äußerst spannend. Direkt am Kai liegt Rockheim – das norwegische nationale Museum für Pop- und Rockmusik. Der markante Bau mit der auffälligen LED-Fassade ist ganz sicher einen Besuch wert. Eine weitere Attraktion ist die kleine Insel Munkholmen, die im Fjord direkt vor der Stadt liegt. Sie ist ein Sinnbild der Christianisierung Norwegens. Auf der ehemaligen Hinrichtungsstätte der Wikinger wurde im 12. Jahrhundert ein Kloster errichtet. Später wurde daraus zunächst eine Festung und dann ein Gefängnis. Heute ist die Insel ein beliebtes Ausflugsziel für Norweger und ein dankbares Fotomotiv für Touristen. Von Trondheim aus geht es über eine lange Seepassage weiter nach Kristiansund und Molde. Beeindruckend auch dabei nicht nur die Landschaft, sondern einmal mehr die exzellente Seelage der Finnmarken. Während sich um uns herum unzählige Sport- und Arbeitsschiffe durch die recht lebhafte See kämpfen, hat man an Bord unseres Schiffes fast das Gefühl der Nordatlantik wäre ein Ententeich. Von Kristiansund nach Molde wird im Übrigen auch eine wundervolle Landpassage über die malerische Atlantikstraße angeboten, die man durchaus in Erwägung ziehen sollte.

Bergen

Am südlichen Wendepunkt meiner Reise liegt Norwegens Atlantikmetropole Bergen. Die zweitgrößte Stadt Norwegens ist der eigentliche Start- und Endpunkt der Hurtigruten. Von hier aus bricht jeden Tag ein Schiff in Richtung Norden zur Reise auf. Das bedeutet auch, dass hier für fast alle Passagiere die Reise endet und alle Kabinen eine ausgiebige Endreinigung erhalten, bevor sie durch neue Passagiere bezogen werden können. Damit verbunden ist auch die längste Liegezeit in einem Hafen auf der gesamten Route. Gut fünfeinhalb Stunden Aufenthalt beschert der Passagierwechsel. Zeit genug, um Bergen ein wenig genauer unter die Lupe zu nehmen.

Schon die Einfahrt in den naturgeformten Hafen Bergens ist spektakulär und gilt – nicht zu Unrecht – als eine der schönsten See-Einfahrten der Welt. Das Hurtigruten-Terminal liegt zentral in direkter Stadtnähe (15-20 Minuten). Obwohl Bergen mit fast 250 Regentagen pro Jahr als Regenhauptstadt Europas gilt, trägt man ihr diesen wenig rühmlichen Titel nicht wirklich nach. Sobald man vom Zauber der am inneren Byfjord gelegen Stadt gefangen genommen wurde, verzeiht man ihr, dass der Regenschirm hier ein Standardaccessoire ist.

Bergen ist Kultur, ist Architektur, ist lebendig und von einer einzigartigen Schönheit. Moderne, futuristische Gebäude, alte Stadthäuser und historische Holzbauwerke treffen sich hier fast Giebel an Giebel. Enge und steil ansteigende Gassen queren breite Hauptstraßen. Die ganze Stadt fließt vom Meer und dem Hafen aus, wie ein Amphitheater, die Hänge der sie umgebenden sieben Berge hinauf. Besonderes Augenmerk sollte man dem historischen Hafen „Vagen“ schenken, der malerisch am historischen Zentrum der Stadt liegt.

Drei Dinge, die beim ersten Besuch in Bergen auf jeden Fall zum Pflichtprogramm gehören sollten, sind Bryggen, Floyen und der Torget.

Das UNESCO-Weltkulturerbe Bryggen ist das historische Hafenviertel der Stadt. Es liegt direkt am Vagen und ist nicht zu übersehen. Bryggen besteht vor allem aus einer traditionellen Holzhauszeile mit spitzen Giebeln, deren Profil sich, trotz mehrerer Brände, seit dem 12. Jahrhundert nicht mehr verändert hat. Es gibt hier eine Reihe von Museen, in denen man einen spannenden Blick in die Zeit der Hanse werfen kann. Auch ein Hotel ist in diesem urigen Quartier zu finden.

Nicht weit entfernt von Bryggen führt die Kabelbahn „Floibanen“ hinauf auf den Hausberg Floyen. Von einer großen Terrasse in rund 320 Meter Höhe gibt es einen fantastischen Blick über die Stadt, der erst die ganze Schönheit Bergens offenbart.

Der berühmte Fischmarkt (Torget) befindet sich nur 150 Meter von der Talstation der Floibanen entfernt und liegt ebenfalls direkt am Vagen. Der quirlige „Hotspot“ urbanen Lebens ist jeden Tag außer Sonntag geöffnet. An den Ständen gibt es alles, was das Herz begehrt. Es darf geschaut, gehandelt und natürlich auch probiert werden. Touristen sollten jedoch genau hinschauen, was ihnen dort so als norwegische Spezialität angeboten wird – Walfleisch gehört aufgrund norwegischer Tradition ebenfalls zum Sortiment des Marktes. In den angrenzenden Bistros, Cafés und Bars erwartet einen die pure norwegische Lebensfreude. Besonders hervorzuheben wäre hier das Irish Pub „Scuffy Murphy’s“, das am Wochenende mit Livemusik direkt an der Straße aufwartet. Zugegebenermaßen sind die Preise für Guinness und Single Malt Whiskys von skandinavischem Kaliber, aber die Stimmung im „Murphy’s“ ist unbezahlbar und lädt sogar vorbeilaufende Menschen ein mitzutanzen und zu klatschen.

Alles in allem ist Bergen sicherlich eine eigene Reise wert. Auf jeden Fall bietet es sich an, hier ein- oder zwei Tage „dranzuhängen“.

Von malerischen Landschaften, Fjossen, Trollen und Stigen

Alesund trägt mit seinen vielen bunten Steinhäusern – völlig zu Recht – den Titel: „Norwegens Perle des Jugendstils“. Die rund 45.000 Einwohner fassende Stadt, die sich auf mehrere Inseln verteilt, wird auch gerne mal „Venedig des Nordens“ genannt. Hier legt das Hurtigrutenschiff auf der nordwärts gehenden Route zweimal an – einmal vor der Fahrt zum Geirangerfjord und einmal auf dem Rückweg. Es besteht also durchaus die Möglichkeit den ganzen Tag in Alesund zu verbringen und abends wieder an Bord des Schiffes zu gehen – vorausgesetzt, dass man sich den berühmtesten und vielleicht auch schönsten Fjord Norwegens entgehen lassen möchte. Falls nicht, gibt es hier einen der schönsten Landausflüge zu erleben, den die Hurtigruten-Reisen zwischen Juni und September zu bieten haben.

Vorbei an malerischen Landschaften fährt die Finnmarken durch den Storfjord und den Sunnylvsfjord bis in den Geirangerfjord. Der 16 Kilometer lange Fjord gilt seit Langem als „der“ Postkarten-Fjord Norwegens. Dort angekommen verlassen wir das Schiff, wenn wir den entsprechenden Ausflug gebucht haben, um mit einem Zubringerschiff in den kleinen Ort Geiranger zu gelangen. Von hier aus geht es mit einem Reisebus zunächst die „Adlerstraße“ hinauf. Die rund 8 Kilometer lange Serpentine ist die einzige Straße, die aus Geiranger heraus führt. Dabei steigt sie mit teilweise zehnprozentiger Steigung auf 620 Meter über Meereshöhe an. Vor hier bietet sich eine atemberaubende Aussicht auf den Fjord, der zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurde. Weiter geht es durch die malerische Landschaft bis nach Eisdal, wo wir mit einer Fähre nach Linge übersetzen. An der Aussichtsplattform der rauschenden Gudbrandsjuvet-Schlucht gibt es einen kurzen Zwischenhalt. Dann geht es hinauf auf die atemberaubende Trollstigen-Plattform. Auf 850 Meter Höhe wird man von bis zu 1.700 Meter hohen Bergen umgeben, bevor es in 11 Haarnadelkurven die Serpentinen der Trollstigen (Trollleiter) hinabgeht. Dabei passieren wir den 320 Meter hohen Wasserfall „Stigfossen“. Über Andalsnes geht es dann entlang des Romsdalfjordes bis nach Vestnes, bevor wir schließlich mit einer Fähre nach Molde übersetzen. In der „Stadt der Rosen“ warten wir dann auf das Eintreffen der Finnmarken, um unsere Seereise fortzusetzen. Die Tour vom Geiranger über die Trollstigen ist sicher ein spektakuläres Erlebnis, das man nie wieder vergisst.

Ein kleiner Tipp: versuchen Sie im Reisebus einen Sitzplatz auf der linken -der Fahrerseite – zu bekommen. Von dort aus ist (meistens) die Aussicht besonders imposant.

Fazit

Kommen wir auf die eingangs gestellte Frage zurück: Können die Hurtigruten ihr Versprechen halten? Bieten sie tatsächlich die schönste Seereise der Welt? Nun – ein einfaches JA könnte die Frage abschließend beantworten. Diese simple Zustimmung würde dem Zauber dieser Reise aber in keiner Weise gerecht. Die Hurtigrute ist atemberaubend, zauberhaft und die Landschaft ist so schön, dass es innerlich schmerzt, wie es Liv Ullmann, die berühmte Tochter Norwegens, es einmal so treffend beschrieb. Mit den Hurtigruten erleben sie Norwegen einzigartig. Selbst wenn sie dieses faszinierende Land schon viele male besucht haben – dieses Norwegen kennen sie noch nicht. Die schönste Seereise der Welt ist tatsächlich mehr als ein guter Werbeslogan.

Der Mythos lebt!   Marco Butzkus

Hier geht’s es zu Teil 1

Hier geht’s es zu Teil 2

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Kategorien: Hurtigruten

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